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24.06.2019 Alter: 21 days
Von: Beate Allmenröder

Floristen in Würzburg

Florale Studienfahrt des zweiten Ausbildungsjahres


„Gotik fährt um 9, Barock um halb 10, Romanik kann laufen, Klassizismus fährt erst am Mittag“. Diese seltsam klingenden Worte erschließen sich, wenn man weiß, dass es dabei um die Organisation eines außergewöhnlichen Projektes geht: Junge Frauen und Männer der Willy-Brandt-Schule - im zweiten Jahr der Floristenausbildung - sind nach Würzburg gereist, um in den berühmten Gebäuden verschiedener Epochen entsprechende floristische Werkstücke unter der kundigen Anleitung des Floristenmeisters und Lehrers Markus Kloft zu gestalten.

Hier wird Lernen mit Herz, Hand und Verstand in bester Weise praktiziert: Wenn man die Stilmerkmale der verschiedenen kunst- und baugeschichtlichen Epochen selber in Kunstwerken aus Blumen und Pflanzen darstellen soll, dann wird die Kunstgeschichte lebendig und unvergesslich. 

Das Projekt wird schon seit ca. 20 Jahren durchgeführt, und wurde einst – zunächst in kleinerem Maßstab - von der Lehrerin Ingeborg Lotz, die inzwischen im Ruhestand ist, ins Leben gerufen.

Mit einem großen Auto und dem schuleigenen Anhänger bis an den Rand gefüllt mit Blumen und Material kommen wir am Dienstagmittag in der Jugendherberge in Würzburg an. Im Innenhof ist schon Platz geschaffen, so dass wir alles Material dort lagern können. Nachdem all die vielen Blumen mit Wasser versorgt sind, folgt der Rundgang durch die Stadt, bei dem alle Gebäude, die am nächsten Tag mit einem floralen Werkstück bereichert werden, besichtigt werden. Kreuzrippengewölbe, Rundbogenfenster, Rocaille – all diese kunstgeschichtlichen Fachbegriffe, die schon im Unterricht zuvor vermittelt wurden, werden wiederholt, so dass die Auszubildenden zu Sachverständigen werden, die ein Rokoko-, Renaissance- oder Romanikgebäude erkennen können.

Am Mittwoch ist Aufbautag: Dazu werden die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen samt ihrem Material in drei verschiedenen alt-ehrwürdigen und berühmten Gebäuden in der Stadt verteilt: In der romanischen Burkhardi-Kirche, in der gotischen Marienkapelle und in der riesigen Residenz, in der Barock, Rokoko und Klassizismus als Bau- und Gestaltungsstile vorkommen, breiten sie ihre Materialien sowie die Blumen und Pflanzen aus.

Dann geht es an die Arbeit: Unter den interessierten Blicken unzähliger Touristen entstehen in stundenlanger, harter Arbeit dem jeweiligen Raum entsprechende florale Werke, die im Unterricht schon vorgeplant worden waren.

Unter dem größten freitragenden Gewölbe der Welt bemalt mit dem Rokoko-Himmel des berühmten Malers Giovanni Battista Tiepolo, am Aufgang der berühmten Treppe in der Residenz, steht am Abend ein riesiger Blumenschmuck, dessen Wert der Fachmann, Herr Kloft, auf ca. 2000 € beziffert. 

In der gotischen Marienkapelle ist die Leichtigkeit und Höhe des mittelalterlichen Baustils aufgenommen, in dem an einem Matratzenfederkern Gräser und Ritterspornblüten angebracht wurden.

Die romanische Burkhardi-Kirche ziert ein imposanter Bogen aus Blumen und Efeu.

Um die 500 Rosen sind in einem Blumenkleid verarbeitet, das nun im Eingang der barocken Residenz die Blicke der Besucher auf sich zieht.

Schlichte Lorbeer-Kränze unterstreichen im klassizistischen Saal der Residenz die Rückkehr zur sparsameren Gestaltung nach der Phase des üppigen Barock.

Was am Abend so wunderschön aussieht, hat im Laufe des Tages so manches Stöhnen und Jammern über die harte Arbeit hervor gerufen, die es angesichts der ehrfurchtsgebietenden Gebäude und der allgegenwärtigen Touristen ohne Essen und wirkliche Pausen durchzuhalten galt. Aber um so stolzer sind alle Auszubildenden am Ende des Tages auf die gelungenen Werke. 

Wie schon am ersten Abend, an dem noch bis zur späten Stunde Vorarbeiten erledigt werden mussten, gibt es auch jetzt keine Zeit zur freien Verfügung: Es müssen aus den restlichen Blumen noch Sträuße gebunden werden, die am nächsten Tag an all die vielen Würzburger Unterstützer des Projektes verschenkt werden. Da sind Küster, Sekretärinnen, Verwalter, Hausmeister und andere Mitarbeiter beteiligt, die uns Türen und Hintereingänge geöffnet haben und in der vorbereitenden Organistion einbezogen waren, denen allen mit einem Strauß am nächsten Tag gedankt werden wird. Mit den Augen der floristischen Laiin staune ich, wie geschickt und schnell 20 wunderbare Sträuße gebunden sind.

Am Donnerstag starten wir dann den Rundgang, an dem die Auszubildenden die Werke gegenseitig besichtigen und würdigen und an dem sie auch so manches Lob der Mitarbeiter in den Gebäuden erhalten. Alle Auszubildenden müssen mindestens einen Blumenstrauß tragen. So ergeben wir eine beeindruckende, bunte Prozession. In der Residenz werden wir von den Mitarbeiterinnen, die für die Führungen zuständig sind, mit der Begeisterung begrüßt, die der Duft der Blumen des am Vortrag hergestellten Werkstückes im ganzen Treppenhaus auslöst. Wie sehr die Würzburger sogar auf höchster Ebene schon auf den alljährlichen Besuch der Gießener Gruppe warten, wird spätestens dann deutlich, als Gerhard Weiler, der Leiter der bayrischen Schlösserverwaltung, berichtet, dass beim Staatsbankett in der Residenz, das in diesem Jahr wohl eine Woche früher als sonst stattfand, der tolle Blumenschmuck, „der doch sonst immer zu sehen“ sei, vermisst wurde. Überall hören wir, wie sehr sich alle jedes Mal auf die Gießener mit ihren Blumen freuen, und wie dankbar sie seien, dass sie Würzburg wieder einmal um einige – wenn auch kurzzeitige – Touristenattraktionen erweitert hätten.

Am Ende ist das Resümee der Auszubildenden: „Das waren furchtbar anstrengende Tage, in der wir als Klasse richtig gut zusammengewachsen sind. Es hat sich gelohnt.“ 

Als begleitende Lehrkraft, die zum ersten Mal dabei war, kann ich das bestätigen und hinzufügen, dass ich wohl noch mehr als die Auszubildenden wahrgenommen habe, dass die meiste Arbeit und der größte Einsatz der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung dieser spannenden Tage von Herrn Kloft geleistet werden mussten. 

Text: Beate Allmenröder, Schulpfarrerin, begleitende Lehrkraft der Klassenfahrt

 

 

 


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